2006-09-27

Tirade eines Autohassers

Das Auto ist eine Plage der Menschheit. Früher gab es die Cholera, die Pest und die Tuberkulose, heute gibt es den Auto-Bazillus, von dem große Teile der Menschheit befallen sind. Der Ausdruck "mobil" in "Automobil" verheißt den Opfern unbegrenzte Mobilität, also Beweglichkeit, Unabhängigkeit und Freiheit. Diese Einschätzung ist jedoch grundverkehrt: Autofahrer sind im Gegenteil stark eingeschränkt in ihrer Bewegungsfreiheit und daher unbeweglich, abhängig und unfrei. Aber das erkennt keiner, der vom Auto-Bazillus befallen ist.

Wer Autofahrer ist, steht im Stau: er ist unfrei! -- steht vor Verkehrsampeln: unfrei! -- ist in seiner Blechkiste eingezwängt wie ein Rollmops: unfrei! -- kurvt umher, weil kein Parkplatz zu finden ist: unfrei! -- muss alle Naselang zur Tankstelle und kräftig zahlen: unfrei! -- hat Kfz-Steuern zu zahlen: unfrei! -- hat Kfz-Versicherung zu zahlen: unfrei! -- bekommt Knöllchen für Falschparken: unfrei! -- muss sein Gefährt irgendwo abstellen und darf dafür kräftig Parkgebühren blechen: unfrei! -- wird geblitzt und bekommt ein Verbrecher-Fahndungsfoto vom Ordnungsamt: unfrei! -- muss irgendwann zur Autowerkstatt wegen Reparaturen und dafür blechen: unfrei! -- muss zur Wartung / Inspektion und dafür blechen: unfrei! -- muss zum TÜV und dafür blechen: unfrei! -- muss im Herbst Winterreifen aufziehen und im Frühjahr Sommerreifen: unfrei! -- kurzum, muss sich permanent mit Autowerkstätten und anderen zeit- und geldfressenden Einrichtungen herumärgern, kurzum, er ist ein Sklave.

Beim Kauf eines Autos zahlt der Autofahrer mehrere Monatsgehälter, ohne mit der Wimper zu zucken, und das nur, um stolzer Autobesitzer zu werden. Die paar Euro, die zusätzlich noch für die Zulassung anfallen, das sind da nur noch Peanuts, die zahlt er gerne auch noch, ohne überhaupt drüber nachzudenken. Und die paar Euro für einen Verbandskasten und für ein Warndreieck und für eine Sicherheitsweste und für dies und für das ... die zahlt er so nebenbei gerne noch mit. Daran verschwendet er doch erst gar keinen Gedanken.

Geht man von einem durchschnittlichen Pkw aus, ist ein Auto wirtschaftlich eine Transportkapazität für 4 Personen. Wieviel Prozent der Lebenszeit eines Autos wird diese Kapazität aber ausgeschöpft? Ca. 23 von 24 Stunden, also 96% der Zeit steht das Auto herum, rostet vor sich hin und besetzt Stellfläche. Von den restlichen 4% Zeit entfallen im Stadtverkehr 90% auf Wartezeiten vor Ampeln, Kreuzungen oder im Stau. Die Transportkapazität wird meist nur für 1 Person, den Fahrer, ausgenutzt. Insgesamt ergibt sich eine volkswirtschaftlich unvorstellbare Verschwendung an Transportkapazität von schätzungsweise mehr als 99%.

Apropos Stellfläche. Rechnet man 8 qm Fläche für einen Pkw, so würden rein rechnerisch die in Deutschland existierenden 46 Millionen Pkw eine Stellfläche von 368 Quadratkilometern einnehmen, das ist deutlich mehr als die Fläche der Millionenmetropole München. Das ist aber noch gar nichts im Vergleich mit den tatsächlichen Park- und Stellflächen an Straßen, in Parkhäusern, auf Grundstücken usw. Alle diese Flächen sind graue Betonmassen, sind vernichtete Natur.

Jeder Autofahrer leistet seinen ganz persönlichen Beitrag zur Umweltvernichtung auch durch den Ausstoß von Abgasen. Kein Kat, kein Rußfilter und kein prozessorgesteuerter Brennstoffregulator kann darüber hinwegtäuschen, dass jeder Autofahrer mithilft, den Klimawandel zu beschleunigen und das Ozonloch zu vergrößern. Er trägt außerdem dazu bei, dass eine permanente Lärmkulisse seine Mitmenschen krank macht. Und er tut auch was für seinen eigenen körperlichen Verfall: er vermeidet Bewegung an frischer Luft und fläzt sich statt dessen lieber in seine Fahrersitzpolster und lässt sich mit der elektrischen Sitzheizung den Hintern wärmen. Mit Mühe schleppt er seine müden Knochen vom Tiefgaragenstellplatz zum Aufzug. Bloß keinen Schritt zu Fuß laufen!

Autofahren ist lebensgefährlich. Jedes Jahr passieren in Deutschland 2,2 Millionen Verkehrsunfälle. Jedes Jahr kommen in Deutschland mehr als 5000 Menschen im Straßenverkehr ums Leben, weitere 430.000 werden verletzt. Fast eine halbe Million! Daher muss jeder Autofahrer jederzeit damit rechnen, mit seiner Killermaschine Auto zum Killer zu werden, wenn auch unfreiwillig. Aber darüber denkt kein Autofahrer nach. Denn es trifft ja sowieso nur die Anderen...

Wenn Autofahren also in jeder Hinsicht total unsinnig ist: warum fahren dann alle so gern Auto und finden es toll? Warum will kein Autofahrer erkennen, dass er von einem geistigen Bazillus befallen ist, der ihn zum Sklaven macht, sondern hält sich für unabhängig und frei? Die Antwort lautet: weil's so schön bequem ist... ! Der Bazillus hat gesiegt.

2006-08-29

Grüße von Hatschi

Hallo, mein Name ist Hatschi Halef Omar Ben Hatschi Abul Abbas Ibn Hatschi Dawuhd al Gossarah. Darum sage ich ständig: "Hatschi!" Nämlich damit jeder weiß, wie ich heiße.

Mein Hatschi-Sagen ist auch kein simples Sprechen, o nein. Vielmehr ist es ein eruptives Heraussprudeln dieses explosiven Wortes Hatschi, verbunden mit Versprühung nasal-oraler Schleimflüssigkeit. Weil es mir so viel Freude bereitet, begleite ich diese überraschenden Geräusch- und Sprüheffekte mit einer Art grunzig-schnorchligem Rachenschniefen. Da kommt richtig Freude auf!

Enorm ist auch mein Verbrauch an Papiertaschentüchern. Ursprünglich als fein säuberlich zusammengefaltete, lupenrein weiß gefärbte Zellstofftücher käuflich erworben, verwandle ich diese edlen Stoffgewebe in glibberige, triefend rotzige, grüngrau verfärbte Schleimbeutel. Die Konsistenz dieser Ekelpakete schwankt zwischen feucht und triefnass.

Meine Mitmenschen sind höfliche und wohlerzogene Bürger. Aus Rücksicht auf meine unkonventionell aufbrandenden, eruptiven Hatschi-Fanfaren rufen sie mir verständnisvoll "Gesundheit" zu, wohl damit ausdrückend, dass meine Hatschi-Identitätsbekundungen als eine hoffentlich vorübergehende Krankheit aufzufassen seien. Hatten sie anfangs nach jeder Hatschi-Eruption mit "Gesundheit" gekontert, ist ihnen inzwischen der Spaß an diesem lustigen, aber doch etwas eintönigen Wortwechsel vergangen.

Ich sag Ihnen was im Vertrauen: mein Name ist in Wirklichkeit gar nicht Hatschi Halef Omar Ben Hatschi Abul Abbas Ibn Hatschi Dawuhd al Gossarah, sondern... na? Sondern: Rumpelstilzchen, jawohl. Wie gut, dass das niemand weiß! Gelle?

2006-08-28

Sächsisch-böhmische Schweiz



Schon mal in der Sächsischen Schweiz gewesen? Falls nicht: Dies können wir Leuten empfehlen, die gerne in der Natur sind, schöne Landschaft mögen und sich vorzugsweise wandernd fortbewegen.

Man fahre von Dresden aus Richtung Pirna, neuerdings über die A17 bis etwa Heidenau, diese neue Autobahn Richtung Prag ist aber noch im Bau. Pirna (Autokennzeichen PIR) ist eine Kreisstadt und bildet das Tor zur Sächsischen Schweiz. Von dort fahre man einige km weiter nach Bad Schandau, und hier ist man schon mittendrin in der schönen Gegend. Direkt an der Elbe gelegen, umgeben von Gebirgs-, Wald- und Felsenlandschaft. In Bad Schandau, das vom "Jahrhundert-Hochwasser" 2002 völlig überflutet war, gibt es viele neue Hausfassaden zu sehen, aber auch viele Noch-Baustellen. Kulinarischer Knüller dieses Städtchens: ein chinesischer Döner-Imbiss.

Nächster Ort ist Königstein mit den hochklassigen Gaststätten "Amtshof" und "Sachsenstübl". Das Eibauer Dunkel, das Wernesgrüner Pils und Würzfleisch als Imbissmahlzeit gehören hier zum gastronomischen Standard. Eine Bootsfähre ermöglicht die rasante Elbüberquerung ans andere Ufer. Achtung: Die letzte Fähre verkehrt um 22:50 Uhr. Wer um 22:51 Uhr eintrudelt, hat leider Pech gehabt, denn die Königsteiner Fährleute halten viel auf Pünktlichkeit.
Oberhalb des Ortes thront die imposante Festung Königstein, ein Hort sächsischer Militärpräsenz. Wer die mächtigen Felsmauern, Gräben und Rampen durchquert hat, findet auf dem weitläufigen Festungsgelände eine Vielzahl von Gebäuden mit militärhistorisch interessanten Ausstellungen sowie Cafés und Biergärten. Der Ausblick auf die im Tal dahinfließende Elbe und die benachbarten Ortschaften ist malerisch und lohnt den beschwerlichen Aufstieg allemal.

Empfehlenswert auch ein Abstecher ins weiter östlich gelegene Schmilka. Wer hier zum Mittagessen einkehrt, muss sich eventuell auf zeitlich begrenztes Toilettenlicht einstellen. Also: schnell geschissen und Zeit gewonnen!

Wärmstens empfehlen kann man von hier aus auch den Aufstieg über die Heilige Stiege: Beim kräftigen Emporsteigen über unzählige Stiegen und Treppen wird jedem schnell warm, die Essensverdauung wird angeregt. Der grandiose Ausblick vom Gipfel entschädigt für alle Mühen. Unermüdliche mögen die Tour fortsetzen bis zum Kuhstall, einer stallartigen Felsformation, in die weiland Kühe getrieben wurden. Vorher ist ein Zwischenstopp in der Idagrotte mit phantastischem Ausblick in unerfindliche Abgründe möglich.

Wir empfehlen außerdem einen Abstecher ins benachbarte Hřensko auf tschechischer Seite. Hier werden allerlei Waren auf einem von Vietnamesen dominierten Markt feilgeboten. Die Quantität des Warenangebots erstaunt ebenso wie seine Uniformität. Ein schöner Waldwanderweg entlang dem Flüsschen Kamenice führt zur Edmundsklamm, einer Schlucht mit bizarren, moosbewachsenen Felsformationen. Man kann sich hier in einem von einem tschechischen Gondoliere per Stangen gelotsten Boot durch die lautlose Stille der Klamm bugsieren lassen. Auch die böhmische Schweiz hat ihre landschaftlichen Reize und bietet bewegungsfreudigen Wanderern viele Möglichkeiten.

Also: Wer nächstes Wochenende noch nichts vor hat, dem sei die sächsische und auch die böhmische Schweiz ans Wanderherz gelegt. Gute Ausdauer und viel Wanderlust!

2005-08-04

Der Bluesmann und der Bariton

Bei Uwe an der Theke, da ist es schön. Da nippe ich an meinem Bierchen und knabbere Salzstangen. Zur Zerstreuung laufen gute Musik-DVDs, per Beamer auf eine Leinwand projiziert. Gestern liefen eher die härteren Sachen, aber guuut: Rammstein, AC/DC, Ozzy Osbourne. Es saß noch einer bei Uwe an der Theke, der am Bierchen nippte, Salzstangen knabberte und zur Zerstreuung die Musik-DVDs verfolgte: ein bäriger Typ, Jeansjacke, Vollbart, Basecap. Er ist ein waschechter Bluesmann mit eigener Band. Bei seinen Eltern war er schon unten durch, als er zu DDR-Zeiten Rolling Stones und Led Zeppelin hörte. Aber als er sich dann auch noch Platten von AC/DC besorgte, da war es ganz aus. Für sowas Abartiges konnten seine Eltern keinerlei Verständnis mehr aufbringen. Dies erzählte er mir, während Brian Johnson ins Mikrofon röhrte und Angus Young schweißtriefend die jaulende Gitarre malträtierte.

Aber als er erst in New York war, da ist ihm vielleicht ein Ding passiert: In einem coolen Club war er bei einer Jamsession und stellte sich mit auf die Bühne. Und dann kam er: der Gitarrist von Ozzy Osbourne. Leibhaftig. Ein wahrer Super-Rocker: durchtrainierter Sportsbody, hautenge Flickenlederhose, freier Oberkörper und eine Haarmähne bis zum Arsch. Dieser Superrocker zog mit dröhnender E-Gitarre voll ab auf der Bühne und schleuderte permanent die Haare durch die Luft. Der reine Wahnsinn! Aber das Schlimmste: Weder unser Bluesmann noch einer seiner Bekannten hatte einen Fotoapparat dabei... Es gibt keinen Foto-Beweis, dass sie gemeinsam mit diesem Osbourne-Typen auf der Bühne gestanden hatten. Aber mehrere Leute können es bezeugen, es war Wirklichkeit gewesen. Damals, in New York.
Jetzt, bei Uwe an der Theke, konnte man den Supertypen immerhin auf DVD bewundern. Ist ja auch was wert.

Bei Hansi an der Theke, da hängen manchmal merkwürdige Figuren rum. Einmal war da einer, der war auch Musiker. Aber nicht nach Gitarrenriffs stand ihm der Sinn, sondern nach Openarien! Nach dem fünften Bier ging es los. Er schmetterte mit seiner beeindruckenden Bariton-Stimme los, dass die Bar erzitterte. Die Arme weit ausgreifend, sang er ein Tremolo von lupenreiner Klanggüte: "Ich bin ein Baritooon - wie ist die Welt so schööön...".

Wem die knallharten Rocker zu hart sind, der gehe zu Hansi an die Theke, und wem die schönklingenden Baritone zu schön sind, der gehe zu Uwe an die Theke. Man kann es sich aussuchen.

2005-06-06

Der großzügige Gönner und der kleingeistige Knauser

Mein Bekannter Matze K. (Name von der Redaktion geändert) ist ein sehr preisbewusster Verbraucher. Wenn er weiß, dass in der Trixi-Bar eine Studentenparty ist und es in der Zeit von 21 bis 22 Uhr Freibier gibt, dann kann man sicher sein, dass er um Punkt 21 Uhr am Tresen ist, um sich sein Freibier zu sichern. Mehr noch: Er wird möglichst gleich zwei Bier bestellen, diese dann schnellstens aussüffeln, sich wieder anstellen, nochmal zwei nehmen und, so er es denn schafft, noch eine dritte Runde einlegen. Man muss ja das, was es zum Nulltarif gibt, möglichst gut ausnutzen. Auch lange Warteschlangen können ihn da nicht schrecken.

Sollte irgendwo in der Stadt eine Vernissage stattfinden: Matze K. ist dabei! Denn auf Vernissagen gibt es in der Regel ein Gläschen Sekt augf Kosten des Veranstalters, man kann sich auch ein zweites genehmigen, ohne aufzufallen. Bei guten Vernissagen gehören außerdem Canapées zum Standard: kleine, appetitliche Häppchen mit Lachs oder Käse, verziert mit Radieschen oder Cocktailtomate. Die besten Vernissagen bieten sogar ein richtiges kaltes Buffet. Das sind die Festtage für Matze K., leider kommen sie selten vor.

Der durchschnittliche Dönerpreis in der Stadt beträgt 2 Euro. Es gibt aber Läden, die bieten den Döner für 1,70 Euro an, und ausgesuchte Imbissläden preisen den Döner für den sensationellen Tiefpreis von 1,00 Euro an. Matze K. verschmäht natürlich alle Läden, deren Preis bei über 1,00 Euro liegt. Die Portionsgröße des Tiefpreis-Döners ist zwar nur etwa halb so groß wie die des Durchschnitts-Döners und die geschmackliche Qualität des supergünstigen 1-Euro-Döners ist auch eher als scheußlich zu bezeichnen, aber das macht ja nichts: Es ist der billigste Döner, und den -- und nur den -- verschlingt Matze K.

Das genaue Gegenteil ist meine Bekannte Annie R. (Name von der Redaktion geändert). Wenn sie im Schaufenster etwas sieht, das ihr gefällt (egal was es ist), dann kauft sie es spontan. Und wenn es schweineteuer ist: spielt keine Rolle. "Das gönn ich mir jetzt einfach", ist ihr Motto in Sachen Konsum. Neulich kaufte sie sich einen neuen Computer mit allen Features, einen Farblaserdrucker gleich dazu, und weil sie so richtig in Kauflaune war, gönnte sie sich auch gleich noch ein neues Auto. Natürlich keinen Neuwagen, das wäre zu teuer, sondern einen Jahreswagen.

Annie R. ist gerne unterwegs. In billigen Pensionen steigt sie nicht gern ab. Ein 4-Sterne-Hotel muss es schon mindestens sein. Am besten mit Hallenbad, Sauna und Wellnessbereich. Wenn sie im Hotelrestaurant essen geht, bestellt sie nie das, was auf der Karte steht, sondern äußert individuelle Wünsche. Soviel Service kann man schon erwarten.

Anders Matze K.: Wenn er nach Hintertupfingen reisen will -- und das kann bei ihm schon mal vorkommen, wenn dort ein afrikanischer Trommelworkshop in freier Natur stattfindet (Gelände zum Zelten ohne Sanitäreinrichtungen steht zur Verfügung) -- dann sucht er meist eine Mitfahrgelegenheit übers Internet. Und zwar nicht bei der offiziellen Mitfahrzentrale, denn die verlangt eine Vermittlungsprovision, sondern die mit direkten Angeboten von Privat an Privat. Es ist zwar etwas mühsam, denn man muss permanent und zeitnah die aktuellen Angeboten überprüfen, und die Anbieter sind telefonisch auch nicht immer erreichbar, und wenn doch, sind meist alle Plätze schon belegt usw usw. Aber das macht ja nichts. Es ist nun mal die billigste Variante.

Auch wenn es nach 30 Telefonaten doch nicht ganz so günstig geworden ist wie erwartet und die Abfahrzeit einige Stunden zu früh und der Zielort noch 20 km von dem Ort entfernt ist, wo der Fahrer ihn rauslässt... naja, den Rest kann man ja trampen.

Kulturfetischismus

Worin geht der Mensch auf? Welches sind die Beschäftigungen, mit denen er den Großteil seines Lebens zubringt? Bei einem ist es die Berufstätigkeit, sie ist die vielbeschäftigte Managerin, der keine Zeit für Anderes bleibt. Beim Nächsten ist es die Familie, er ist der treu sorgende Hausmann und Kindererzieher, da bleibt keine Zeit für Anderes. Ein Dritter ist sozial engagiert, kümmert sich ehrenamtlich um die Jugendarbeit im Verein, ist damit ausgelastet.

Es gibt daneben Leute, deren Lebensinhalt das Kulturleben ist. Ich kenne einen gewissen Eckbert R. (Name von der Redaktion geändert), der sein Leben auf Reisen in Sachen Kultur verbringt. Am Mittwoch noch auf einem Festival in Karlsruhe, am Donnerstag bei einem Jazzkonzert in Hannover, am Freitag auf einer Gartenausstellung mit Events in Magdeburg, am Samstag auf einem Festival für Neue Musik (Klangperformances, Video- und Schrottinstallationen) in Halle/Saale und abends schnell nach Landsberg bei Halle/Saale, wo erstmals nach 22 Jahren das deutschlandweit einzige Konzert der ungarischen Kultband Omega stattfand...

Hier wird bereits die Problematik einer solchen Existenz deutlich: Es besteht die Notwendigkeit einer äußerst komplexen Routen- und Zeitplanung. Ganz zu schweigen von der Logistik für Übernachtungen und Gepäcktransport. Neben diesen eher praktischen Widrigkeiten macht ein anderes Problem grundsätzlicher Natur Herrn R. viel mehr zu schaffen: Das Hallenser Festival erstreckt sich bis in die Nachtstunden, aber bereits um 20 Uhr muss er in Landsberg sein, um das lang ersehnte Konzert nicht zu verpassen. Mit anderen Worten, irgend etwas verpasst er immer, und das schmerzt seine Kulturseele zutiefst. Prioritäten sind zu setzen!

Mit stoischer Langmut erträgt Eckbert R. die vielen verpassten Gelegenheiten und kämpft darum, wenigstens im Kleinen diese Defizite soweit wie möglich zu minimieren: In der Nacht von Freitag auf Samstag reiste er nach Leipzig, nahm eine Mütze voll Schlaf in meinem Wohnzimmer und entschied am Samstagmittag, wenigstens 1 bis 2 Stunden eine Sonderausstellung im Leipziger Stasimuseum zu besuchen, bevor er nach Halle weiterreisen würde, denn besagte Ausstellung läuft nur noch bis 30.06., und es besteht die Gefahr, dass er sie bis dahin nicht vollständig erkundet haben wird.

Fazit: Der Workoholic erleidet Magengeschwüre und irgendwann eine Herzattacke, die sechsfache Mutter kann wegen hyperaktiver Kinder tagsüber und Babygeschreis nachts kein Auge zutun, die Sozialengagierte leidet am Helfersyndrom, an dem sie zugrunde geht: Auch der Kulturfetischist laboriert an chronischem Schlafmangel, und seine Gedanken werden immer wirrer und zusammenhangloser. (Wann war nochmal das Folk-Konzert in Erfurt? Verpasse ich womöglich das Hippie-Festival in Wuppertal?) So hat halt jeder sein Päckchen zu tragen.

2005-06-03

Wo ist der Frühling geblieben?

Die Sonne scheint, die Temperatur steigt auf 28 Grad, am Himmel sind nur ein paar kleine, weiße Wölkchen, ansonsten strahlendblauer Himmel: Da lacht das Herz und die Freude ist so ungetrübt wie die weite Sicht aufs Land. Ist das jetzt wirklich der meteorologische Sommer, der diese Woche begonnen hat? Und wo ist der Frühling eigentlich geblieben? Es war saukalt, regnerisch, dann auf einen Schlag eine irrsinnige Backofenglut (letztes Wochenende), dann ebenso plötzlich ein Temperatursturz um 20 Grad und wieder saukalt. Wo ist der echte Frühling geblieben?